Dienstag, 1. Juli 2008

Zurück mit ELAN

Liebe Familie,  liebe Freunde,

nach 109 Tagen und 1550 abgesegelten Seemeilen (2870 km) haben wir am 
22. Juni  wieder  in unserer hübschen, kleinen Marina in Ruskin in der Tampa-Bay in West-Florida  festgemacht. Das Wetter wurde in den letzten Wochen zunehmend schwül-heißer. Täglich gehen örtlich kräftige Gewitter runter, von denen wir unterwegs  auch nicht ganz verschont geblieben sind.  Die Segelsaison ist jetzt endgültig vorüber und die Hurrikan-Saison hat begonnen.

Mit der Wahl unseres Bootes sind wir nach diesem erfolgreich abgeschlossenen und problemlosen Probe-Törn mehr als zufrieden! In den letzten 3 ½ Monaten haben wir großes Vertrauen in unsere ELAN gewonnen und wir wissen jetzt, dass sie uns auch um die Welt bringen kann!

Von den 15 Bahama-Inseln, vor denen wir geankert haben, möchten wir Rum-Cay dieses Mal etwas näher beschreiben. Auf 155 qkm vereint sie all die Eigenschaften, die wir an den Bahamas so lieben.  Rum-Cay gehört zu den s.g. „out Islands“ und liegt auf etwa 23°40´ N und 74°50´W. Aufgrund der relativ großen Entfernung zu Florida und dem Mangel an geschützten Ankerbuchten wird sie nur selten von Segelyachten angelaufen. Natürlich wollten wir zuerst einmal wissen, wie die Insel zu ihrem Namen gekommen ist. Dazu gibt es eine nette (wahre?) Geschichte. 
Kolumbus entdeckte das kleine Eiland auf seiner ersten Reise im Oktober 1492 und gab ihm ursprünglich den wohlklingenden Namen „Santa María de la Conceptión“. So hieß die Insel über 440 Jahre lang, bis in den 40iger Jahren des letzten Jahrhunderts ein Schiff von den Westindischen Inseln, vollbeladen mit Rum, auf einem der die Insel umgebenen Riffe strandete. Die Bewohner retteten die Besatzung und erhoben Anspruch auf die wertvolle Fracht. Nach deren Verkostung  fielen sie in ein kollektives Delirium und konnten sich nach dem Erwachen nicht mehr an den schönen Namen ihrer Insel erinnern.  Fortan nannten sie sie Rum-Cay.

Heute hat Rum-Cay etwa 200 Einwohner. Die meisten wohnen in Port Nelson, wie sich  die „Hauptstadt“ selbstbewußt nennt. Sie ist eine Ansammlung von bunt bemalten Holzhäuschen, die weit verstreut in einem Kokospalmenhain liegen.   
Es gibt eine All-Age-School mit 25 Schülern in drei Klassen, durch einfache Stellwände voneinander getrennt, und einer Lehrerin. Auf einem Dachbalken des gelben Gebäudes lesen wir den Satz „ I am not afraid of storms for I am learning how to sail my ship“,  ab jetzt unser Leitmotto. In der Mittagspause fragen wir zwei Pizza-mampfende Erstklässler auf dem Schulhof, wann denn nachmittags die Schule wieder beginnt, und bekommen die logische Antwort: „Wenn die Lehrerin wieder kommt“. Hätten wir uns auch denken können.  Außerdem gibt es seit drei Jahren  erstmals einen Polizisten, als obersten Ordnungshüter und Streitschlichter, der in einem rosa Häuschen seines Amtes waltet. Seine erste Amtshandlung  war die Aufstellung von roten Stop-Schildern an jeder Kreuzung. Bei einer Verkehrsdichte von ca. 20 Autos gar keine schlechte Idee, denn welcher Autofahrer vermutet hier schon, dass es am selben Ort und zur selben Zeit außer ihm noch einen anderen geben könnte? Außerdem gibt es hübsche grüne Straßenschilder in Inselform, ein begehrtes Objekt für Souvenir-Sammler. Auf ihnen ist „Kings Boulevard“, „Queens Highway“ oder „Pearl Street“ zu lesen, schöne Namen für Straßen, die oft nur Sandpisten sind und irgendwo in der Pampa enden. Und es gibt zwei Lebensmittel-Lädchen namens „Last Stop“ und  „Last Chance“, also nur nicht vorbeigehen! Ein Bar-Restaurant mit dem Namen „Kaye´s Restaurant“ liegt versteckt unter Bäumen, lila angestrichen und ohne Schuh-Zwang, denn der Boden besteht einfach aus Sand.  Essen gibt es hier nur auf Bestellung einen Tag im Voraus. Weiterhin finden wir eine frisch gestrichene blau-weiße Kirche und eine einsame Telefonzelle am Strand ohne Verbindung zur Außenwelt. Und es gibt -keinen- ansässigen Arzt! Der kommt  einmal im Monat per Postboot von der Nachbarinsel San Salvador, aber wer wird in solch einem Paradies auch schon krank!  

Ja, und in eben diesem Paradies planen amerikanische Investoren seit zwei Jahren ein Mega-Luxus-Resort mit einer Mega-Luxus-Marina für 200 Mega-Luxus-Yachten und dem Versprechen eines „authentic Bahamas out Island experience“. Angesichts Rezession in den USA und enorm gestiegener Spritpreise  lässt der erste Spatenstich zum Glück noch auf sich warten. Und Rum-Cay kann weiter seinen Rausch  ausschlafen. Beispiele auf anderen Inseln zeigen jedoch, dass solche Pläne früher oder später Realität werden. Der Ausverkauf der Bahamas an ausländische, zumeist amerikanische Investoren, hat längst begonnen.

Und wie sieht es mit unserer Planung aus? Heute geht es erst einmal zurück nach München, wo nach 5 Monaten Abwesenheit sicherlich eine Menge Bürokram auf uns wartet. Im August und September sind wir in Andalusien und Mitte Oktober kehren wir, dann mit einem Oneway-Ticket, nach Ruskin zurück. Im November und Dezember machen wir noch ein paar Verbesserungen auf ELAN und geben ihr den letzten Schliff für die ganz große Reise. Diese beginnt im Januar 2009, und wohin sie uns zuerst führen wird, sei heute noch nicht verraten.  Ein bisschen Spannung muss doch bleiben, oder?

Bis zum nächsten Logbuchauszug von ELAN grüßen Euch alle sehr herzlich

Eure Seefahrer Dörte & Frank